Digitalisierung im Gesundheitssektor

Die 1. Dimension – den Nutzen für Patienten durch digitale Technologien signifikant steigern

Früher haben wir stundenlang vor dem Radio gewartet, bis endlich das Lieblingslied lief und wir es für das „Mixtape“ aufnehmen konnten. Heute hingegen genügt ein Klick auf das Smartphone und schon ist eine Playlist mit allen Favoriten zusammengestellt. Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, dass sich das Grundbedürfnis „Musik hören“ über die Zeit nicht verändert hat, jedoch die Technologien und Mittel, um dieses zu befriedigen. In der Kundenperspektive der digitalen Transformation geht es darum, wie ein Produkt durch den Einsatz digitaler Technologien einen gesteigerten Kundennutzen erzeugen kann. Der Einsatz neuer Technologien führt dazu, dass Abhängigkeiten von bestehenden Technologien eliminiert werden. Die in den 80er-Jahren etablierten Unternehmen und Marken wie Maxell und TDK haben diese Weiterentwicklung verschlafen und existieren heute nicht mehr bzw. führen nur noch ein Nischendasein.

 

Gesundwerden, möglichst ohne Nebenwirkungen

Die digitale Transformation im Gesundheitssektor wird in erster Linie von den Bürgern angetrieben, die als Konsumenten längst mit digitalen Gesundheitsangeboten des zweiten Gesundheitsmarkts vertraut sind, wie auch die Studie „B2B-Vertrieb im Gesundheitssektor in Zeiten der Digitalisierung“ untermauert. Laut Statista standen allein im Jahr 2016 rund 1,2 Millionen downloadbare Health Apps im iTunes Store zur Verfügung. Die Menschen stehen diesen Innovationen deutlich offener gegenüber als etablierte Akteure des Gesundheitswesens. Diese neuen Technologien korrespondieren mit dem kulturellen Wandel, zu dem auch ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Gestalten des Gesundheitshandels gehören. Welche Möglichkeiten haben die etablierten Akteure, um das Bedürfnis „Gesundwerden, möglichst ohne Nebenwirkungen“ durch digitale Technologien signifikant zu verbessern?

Der Trend geht deutlich zur Individualisierung und maßgeschneiderten Behandlungsstrategien – in der Krebstherapie kommen diese bereits zum Einsatz. Grundlage sind neue, diagnostische Methoden wie z. B. Next-Generation Sequencing (NGS). Hier können simultan mehrere hundert Millionen Fragmente einer Gewebe- oder Blutprobe untersucht werden. Es ergeben sich u. a. Vorhersagen darüber, ob ein bestimmtes Arzneimittel wirkt und eingesetzt werden kann. Durch dieses zielgerichtete Eingreifen in die Prozesse der Tumorentwicklung erhoffen sich Pharmaunternehmen, Fachärzte und Patienten eine bessere Wirkung und geringe Nebenwirkungen auf gesunde Körperzellen. Die Art und Weise der Behandlungsstrategie und der Befriedigung des Bedürfnisses „Gesundwerden, möglichst ohne Nebenwirkungen“ ändert sich also durch die Verknüpfung der diagnostischen Methode mit einem zielgerichtet wirkenden Arzneimittel radikal. Die bestehende Vorgehensweise in der Entwicklung, Zulassung, Markteinführung und Vermarktung medizinischer Produkte und Services, die durch digitale Technologien die Befriedigung eines Bedürfnisses radikal ändern, funktioniert nur noch bedingt.

Patientenorientiertes Versorgungssystem im Mittelpunkt

Jedes Unternehmen sollte daher den Patienten und die jeweiligen Akteure eines spezifischen patientenorientierten Versorgungssystems in das Zentrum aller Produktentwicklungsprojekte stellen. Vier grundlegende Aspekte sind hierbei essenziell.

  1. Leistung: Hier gilt es, eine wettbewerbsfähige Leistung des medizinischen Produktes bzw. Services zum Wohle des Patienten zu erzeugen. Abhängig von der verwendeten Technologie können innovative medizinische Produkte und Services mit herausragender Leistung erzeugt und bestehende Abhängigkeiten eliminiert werden. Dadurch kann sich auch das Leistungsfeld einzelner Akteure entlang der Versorgungskette ändern. Eine frühzeitige Einbindung der relevanten Stakeholder, ein konsequenter Kundenfokus sowie die End-to-End-Prozessbetrachtung können dazu beitragen, dass das Silodenken aufgebrochen und die Veränderungen in den Leistungsfeldern von den betroffenen Stakeholdern mitgetragen werden.
  2. Erstattung durch die GKV: Aus Kundensicht ist sicherzustellen, dass alle relevanten Kosten für den Einsatz eines innovativen medizinischen Produktes oder Service und etwaige durch die digitale Weiterentwicklung entfallende Kosten entlang der patientenorientierten Versorgungsstrukturen für die Preisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband ermittelt werden. Zudem müssen sich die Krankenkassen zu aktiven, schnellen und konsequenten Partnern bei der Digitalisierung entwickeln und dafür frühzeitig in die Entwicklung innovativer medizinischer Produkte und Services eingebunden werden. Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) wurde ein erster Leistungsanspruch der Versicherten auf digitale Gesundheitsanwendungen geschaffen, der je nach Verordnung des behandelnden Arztes oder mit Genehmigung der Krankenkasse angewendet wird. Für die übrigen digitalen Gesundheitsprodukte sei hier auf das im Studienbericht des IGES Instituts „Digitale Versorgungsprodukte: Chancen nutzen, sichere Wege in den Markt schaffen“ vorgestellte pragmatische und qualitätsorientierte Verfahren zur Erstattung durch die GKV verwiesen.
  3. Convenience: Convenience umfasst aus Kundensicht die Elemente Einfachheit, Geschwindigkeit, Flexibilität und Sicherheit. Hier können innovative Produkte durch die digitalen Technologien signifikante Vorteile erzielen und dadurch den Kundennutzen radikal steigern.
  4. Vertrauen: Vertrauen beinhaltet zwei Dimensionen: in das spezifische Produkt und in den Anbieter. Entsprechend ist Vertrauen insbesondere im B2B-Bereich essenziell. Zu berücksichtigen ist, dass Start-up- oder branchenfremde Unternehmen, die mutig vorangehen, mittelfristig erheblich bessere Ergebnisse in den drei Bausteinen Leistung, Erstattung und Convenience erzielen und darüber noch nicht vorhandenes Vertrauen kompensieren können. Für etablierte Unternehmen bedeutet dies, Vertrauen als Verpflichtung für die Zukunft zu sehen. Ein „Weiter so“ wird nicht mehr ausreichen.

Fazit

Jedes Unternehmen muss die relevanten und individuell passenden Erfolgsmuster aus der Kundenperspektive herausarbeiten und diese gemeinsam mit den Führungskräften und Mitarbeitern sowie den relevanten Stakeholdern entlang der patientenorientierten Versorgungskette implementieren und weiterentwickeln. Idealerweise werden dafür ein End-to-End-Prozessdenken und eine offene Community aufgebaut, in der Wissen und Innovationen geteilt und gemeinsam weiterentwickelt werden. Ziel ist die Öffnung der Versorgungsstrukturen im Sinne des Patientenwohls für die Innovationen im Hier und Jetzt. Dies kann dazu beitragen, dass alle Akteure in einem patientenorientierten Versorgungssystem an einem Strang ziehen, mit dem Ziel vor Augen arbeiten und dass somit weniger um die Wahrung von Besitzständen gekämpft wird. Nur durch eine gemeinsame offene Grundhaltung in einem patientenorientierten Versorgungssystem können sich Innovationen aus Deutschland heraus entfalten, so dass nicht irgendwann Großkonzerne aus dem Ausland das deutsche Gesundheitswesen überrollen.

Wie diese Umsetzungen im Einzelnen aussehen können, bespreche ich gern persönlich mit Ihnen – ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme unter service@janinedodt.de oder +49 (0) 0176 / 35 49 77 70.

Im kommenden Blog erfahren Sie mehr über die 2. Dimension der digitalen Transformation, der Organisationsperspektive, die dabei hilft, Produkte bzw. Services durch digitale Technologien effizienter zu erzeugen.

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