Ein Interview mit Christine Carius

Frau Christine Carius im Interview mit Janine Müller-Dodt darüber, wie telemedizinische Lösungen zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen und über die zu erwartenden Fortschritte, wenn die telemedizinischen Leistungen erst einmal erfolgreich etabliert sind. Christine Carius ist Gründerin und Geschäftsführerin der seit Oktober 2020 bestehenden telmedicon GmbH, einer inhabergeführten und auf Telemedizin spezialisierten Beratungsgesellschaft. Sie ist seit 2006 im Bereich der Telemedizin tätig und verantwortete als Projektmanagerin und Projektleiterin vielfältige Forschungsprojekte und Versorgungsprogramme.
Die telmedicon GmbH bietet Hilfestellung im Aufbau und der Gestaltung telemedizinischer Prozesse. Das Portfolio umfasst die Konzeption, die Geschäftsmodellentwicklung, die Auswahl technischer Lösungen und die Umsetzung telemedizinischer Vorhaben in den organisatorischen Strukturen. Darüber hinaus unterstützt die telmedicon GmbH medizinische Leistungserbringer und Hersteller von Medizinprodukten bei der Akquise von Fördermitteln. Die Expertise aus der Leitung zweier universitärer Telemedizinzentren und die langjährige Erfahrung aus zahlreichen Forschungs- und Entwicklungsprojekten befähigt die telmedicon GmbH dazu, die Telemedizinvorhaben der Kunden erfolgreich am Markt zu etablieren.

Im Interview spricht Christine Carius darüber, wie telemedizinische Lösungen zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen und über die zu erwartenden Fortschritte, wenn die telemedizinischen Leistungen erst einmal erfolgreich etabliert sind.

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Telemedizinische Lösungen verbessern die Gesundheitsversorgung von der Diagnostik über die Behandlung und Therapie bis hin zur Rehabilitation effektiv und wirksam, indem ärztliche Fachexpertise über räumliche und sogar zeitliche Grenzen hinweg verfügbar gemacht wird.

Frau Carius, wie tragen telemedizinische Lösungen dazu bei, die Gesundheitsversorgung zu verbessern? Welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?

Telemedizinische Lösungen verbessern die Gesundheitsversorgung von der Diagnostik über die Behandlung und Therapie bis hin zur Rehabilitation effektiv und wirksam, indem ärztliche Fachexpertise über räumliche und sogar zeitliche Grenzen hinweg verfügbar gemacht wird:

Telemedizinische Diagnostikangebote ermöglichen u.a. im Bereich der Dermatologie, dass Betroffene mit Hautveränderungen Fotos und relevante Begleitinformationen zu bestehenden Erkrankungen und Medikamenten über geeignete Plattformen dem telemedizinisch und dermatologisch tätigen Fachpersonal vorlegen. Dieses prüft dann innerhalb eines definierten Zeitraums (z. B. 48 Stunden), inwiefern eine Diagnosestellung mit den vorliegenden Informationen möglich ist. Die hilfesuchende Person erhält je nach Ergebnis eine Diagnose und falls nötig ein Rezept zur Behandlung oder die Empfehlung, eine dermatologische Fachpraxis aufzusuchen.

Von telemedizinischen Versorgungsprogrammen profitieren insbesondere Menschen mit chronischen Erkrankungen. Diese Programme sind üblicherweise auf ein bestimmtes Krankheitsbild zugeschnitten, z. B. für chronische Herzinsuffizienz. Die Betroffenen erwerben im Rahmen eines solchen Programms bestimmte Routinen und Fähigkeiten im Umgang mit ihrer Erkrankung. Sie lernen ihren Blutdruck und ihr Körpergewicht richtig zu messen, zu bewerten und ihre Messdaten automatisch an ein telemedizinisches Zentrum zu übermitteln. Im Zentrum wertet medizinisches Personal die Daten in der Zusammenschau aller Informationen aus, sodass die Therapie frühzeitig angepasst werden kann. So können zum Vorteil des chronisch Erkrankten ungeplante Krankenhausaufenthalte aufgrund plötzlicher Gesundheitszustandsänderungen vermieden oder zumindest reduziert werden. Das behandelnde Fachpersonal bekommt durch das Telemonitoring einen vollständigeren Überblick über den Gesundheitsstatus der zu versorgenden Person und sie können so beispielsweise medikamentöse Umstellungen viel genauer überwachen.

Telemedizinisch gestützte Rehabilitationen, auch „Telereha“ genannt, bedeuten, dass Menschen nach einer schweren Erkrankung wie COVID-19 zuhause auf Video-Anleitungen, Live-Sessions, Trainingspläne sowie hilfreiche Übungen und Maßnahmen zugreifen können.
Auch in diesem Fall werden die Trainings- und Körperfunktionsdaten der erkrankten Person an ein entsprechendes Zentrum übertragen, um den Rehabilitationsfortschritt kontinuierlich zu überwachen. Telereha bietet den großen Vorteil, dass die erkrankte Person neue Routinen direkt in ihrem häuslichen Umfeld erlernt und diese unmittelbar und dauerhaft in ihren Alltag integrieren kann.

Als besonderen Erfolg sehe ich und wir als telmedicon GmbH die gelungene Gestaltung eines umfassenden Systems, einer Organisation mit Prozessen, in der telemedizinische Leistungen dauerhaft in hoher Qualität erbracht werden, die den dort tätigen Menschen eine sinnstiftende Tätigkeit erlaubt und von der die Patienten wirklich profitieren.

Welches sind die zentralen Komponenten von Telemedizin?

Bei telemedizinischen Angeboten sind das medizinische Fachpersonal und die behandelten Personen an unterschiedlichen Orten. Die Daten des Patienten werden zum Teil automatisch erfasst und übertragen, wobei die technische Umsetzung von Telemedizin häufig nicht die Herausforderung darstellt. Gerade für medizinische Leistungserbringer wie Kliniken, Telemedizinzentren und Ärztenetzwerke besteht die Herausforderung darin, die mit der Technik verbundenen neuen Arbeitsprozesse in die bestehende Struktur zu integrieren und die Organisation der Ressourcen so zu gestalten, dass die telemedizinische Leistung effizient und effektiv erbracht werden kann.

Auf welche Initiative(n) sind Sie besonders stolz und warum?

Es ist nicht unbedingt die einzelne Initiative oder das einzelne erfolgreiche Telemedizinprojekt, auf das ich besonders stolz bin. Als besonderen Erfolg sehe ich und wir als telmedicon GmbH die gelungene Gestaltung eines umfassenden Systems, einer Organisation mit Prozessen, in der telemedizinische Leistungen dauerhaft in hoher Qualität erbracht werden, die den dort tätigen Menschen eine sinnstiftende Tätigkeit erlaubt und von der die Patienten wirklich profitieren. Die Einrichtung von telemedizinischen Zentren und Leistungsstrukturen in bestehende Umgebungen konventioneller Medizin – das ist die Herausforderung, der wir uns in der Vergangenheit stellten und die auch jetzt im Besonderen für uns im Fokus steht. Als besonders spannend empfinde ich den kreativen Prozess der gemeinsamen Entwicklung der Lösungen mit unseren Kunden und den beteiligten Partnern wie den Anbietern technischer telemedizinischer Lösungen.

Welche Hürden gibt es bei der Umsetzung telemedizinischer Initiativen und wie begegnen Sie diesen?

In der Vergangenheit gab es vor allen Dingen technische und (berufsstandes-)rechtliche Hindernisse. Aktuell ist es anspruchsvoll, Telemedizinvorhaben so zu konzipieren, dass eine wirtschaftlich tragfähige Umsetzung zu Stande kommt. Wir setzen an verschiedenen Punkten an, zum Beispiel bei einer sehr detaillierten Definition der Patientenzielgruppe. Die aktuelle Vergütungssituation und vermutlich auch die zukünftige Vergütung von telemedizinischen Leistungen, z. B. das Telemonitoring bei Herzinsuffizienz lassen es nicht zu, dass Patienten in den Programmen betreut werden, bei denen keine oder nur in geringem Maße positive Effekte erzielt werden können. Eine weitere Herausforderung ist die Organisation der telemedizinischen Leistungen: Wie können kleinere Krankenhäuser zum Beispiel einen 24/7-Betrieb sicherstellen, wenn sie (noch) nicht so viele Patienten betreuen, um das Personal auszulasten? Oder wie können Ärzte motiviert werden, vor einem Bildschirm statt im direkten, unmittelbaren Patientenkontakt zu agieren? Für unsere Kunden finden wir hier spezifische Lösungen, um diese Hürden zu überwinden.

Wir verbinden die Sektoren, denn jeder Akteur hat einen spezifischen Blick auf das Versorgungsgeschehen. Die Versorgung kann durch Telemedizin nur dann besser werden, wenn auch die verschiedenen Perspektiven berücksichtigt werden.

Welches sind die Erfolgsfaktoren für die erfolgreiche Umsetzung und wie schaffen Sie es, das Umfeld mitzunehmen?

Aus meiner Sicht ist es entscheidend, wirklich alle Beteiligten bei der Einführung von solchen Neuerungen in geeigneter Form mitzunehmen.
In unseren Projekten beziehen wir entsprechend der Programmgestaltung immer alle medizinischen Fachkräfte, also pflegerisches und ärztliches Personal, des gesamten Versorgungsprozesses mit in den Prozess ein. Wir verbinden die Sektoren, denn jeder Akteur hat einen spezifischen Blick auf das Versorgungsgeschehen. Die Versorgung kann durch Telemedizin nur dann besser werden, wenn auch die verschiedenen Perspektiven berücksichtigt werden. Ärzte und Pflegekräfte werden nur dann gern telemedizinische Lösungen nutzen, wenn diese ihren Arbeitsalltag erleichtert und sie einen Mehrwert für die Patienten erzielen können. Gerade Kliniken können telemedizinische Programme nur dann sinnvoll und wirtschaftlich nachhaltig anbieten, wenn alle Akteure mit an einem Strang ziehen. Zum Teil müssen auch Kompetenzen weiter oder neu entwickelt werden – dieser Prozess sollte von Beginn an mitgedacht werden. Bei der Einführung solcher Neuerungen braucht es regelmäßige Reflexionsphasen, um Erreichtes bewusst zu machen, Ziele weiter im Blick zu behalten und falls nötig nachzusteuern. Zudem kann es je nach Programm notwendig sein, die zukünftigen patientenseitigen Nutzer mit in die einzelnen Stufen der Programmentwicklung einzubeziehen.

Welche Reaktionen erwarten Sie von den Interessengruppen auf die nachweislichen Fortschritte, wenn die telemedizinischen Leistungen erst einmal erfolgreich etabliert sind?

Wenn überall dort, wo Telemedizin sinnvoll eingesetzt werden kann, auch Telemedizin etabliert ist, also die rechtlichen, technischen, wirtschaftlichen und organisatorischen Voraussetzungen alle erfüllt sind, dann werden die Kliniken und Telemedizinzentren effiziente Prozesse haben, um Erkrankte gut zu Hause zu versorgen und gezielt in weitere Versorgungseinrichtungen einzusteuern. Mit den telemedizinischen Tätigkeiten in Zentren und Kliniken wird ein attraktives alternatives Berufsbild entstehen, das den Ärzteberuf leichter vereinbar mit Familie macht. Häuser mit Telemedizinangeboten werden es als Arbeitgeber möglicherweise leichter haben, qualifizierte Mitarbeitende dauerhaft an sich zu binden. Die Patienten und Patientinnen profitieren von einer bedarfsgerechten, zügigen Versorgung und niedergelassene Ärzte, gerade in ländlichen Regionen, werden entlastet.

Telemedizinische Leistungen verändern den Versorgungsalltag und das Ökosystem der medizinischen Versorgung. Welches sind die Aspekte, die die beteiligten Akteure in Deutschland noch stärker angehen müssen, um gemeinsam ein zukunftsfähiges, digital gestütztes und patientenorientiertes Gesundheitssystem aufbauen zu können?

Ich bin davon überzeugt, dass wir zukünftig neben der Verbesserung der Akutversorgung, der Versorgung von chronisch Kranken und der Rehabilitation durch Telemedizin viel mehr telemedizinische Angebote zur Prävention finden werden. Unser Gesundheitssystem ist aktuell auf die Behandlung von Krankheiten ausgerichtet und weniger gut aufgestellt, wenn es um die Vermeidung von Krankheiten und deren Ursachen geht.

Wir brauchen mehr Angebote zu gesunden, nachhaltigen Lebensstilen, durch die die häufigsten Non-communicable Diseases (NCDs), also die nicht ansteckenden und immer häufiger auftretenden Erkrankungen wie Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Diabetes, Krebserkrankungen sowie psychische Störungen, vermieden oder zumindest das Risiko, daran zu erkranken, gesenkt werden kann. Dies setzt zum Teil auch ein anderes bzw. neues Verständnis des Arztberufs, eine entsprechende Aufwertung des Pflegeberufs und weiterer gesundheitsnaher Leistungsträger voraus. Zudem bestehen leider noch immer zahlreiche Barrieren wie das Denken in Sektoren, langsame Entscheidungsprozesse, fehlende Vergütungsstrukturen und ein fragmentierter Blick auf das Gesundheitswesen. Für ein nachhaltiges zukunftsfähiges Gesundheitssystem müssen auch diese überwunden werden. Schließlich müssen auch Patientinnen und Patienten in diese Veränderungsprozesse eingebunden werden und bei der Entwicklung einer entsprechenden Gesundheitskompetenz, der health literacy, unterstützt werden.

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